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Die Fürsten und das Schwert des Henkers Das Lobkowicz-Palais zählt zu den imposantesten Gebäuden der tschechischen Hauptstadt.
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Die Fürsten und das Schwert des Henkers

Das Lobkowicz-Palais in Prag zeigt eine europaweit einmalige Sammlung adeliger Lebenskultur aus vier Jahrhunderten.

Wenn Politiker heute behaupten, ihre Profession sei hart, dann ist das relativ. Denn während das Volk heute unliebsame Vertreter ihrer Interessen schlimmstenfalls abwählt, hatten die Menschen der anbrechenden Neuzeit ein wesentlich drastischeres Mittel ersonnen, um ihren Zorn zu zeigen. Das besagte Verfahren kam so häufig vor, dass die Historiker dafür eigens einen Namen erfanden: „Defenestration“. Was übersetzt schlicht heißt: „aus dem Fenster werfen“. Eben dieses Schicksal widerfuhr am 16. Mai 1618 drei Prager Statthaltern Seiner Katholischen Majestät des Kaisers, die in der Prager Burg von 200 protestantischen Edelleuten kurzerhand defenestriert wurden. Wundersamerweise überlebten alle drei diesen berühmten Prager Fenstersturz aus 17 Meter Höhe und konnten sich verletzt in ein angrenzendes Palais flüchten, das noch heute zu den imposantesten Gebäuden der tschechischen Hauptstadt zählt: das Lobkowicz-Palais.

Dort residierte eine der bedeutendsten Familien des böhmischen Hochadels, Fürsten des Heiligen Römischen Reiches, zugleich Oberste Kanzler der Krone in Böhmen. Der Stammbaum der Lobkowicz-Dynastie wurzelt im 15. Jahrhundert, anno 1409 erwarb ihr Urahn die nördlich von Prag gelegene gleichnamige Burg samt Ländereien und begründete so den Familiennamen. Dass die drei defenestrierten Herrschaften in den Lobkowicz-Palais flüchteten, war kein Zufall: Die Familie stand loyal zur katholischen Kirche.

Das Lobkowicz-Palais, Residenz der Familie, wurde Mitte des 16. Jahrhunderts errichtet und gelangte Anfang 1609 durch eine Heirat in ihren Besitz. Seitdem kam ein Kunstwerk, ein exquisites Möbelstück, ein Musikinstrument aus Meisterhand, ein wertvoller Säbel, eine seltene Jagdbüchse zur nächsten – so entstand eine weltweit einmalige Sammlung adliger Lebenskultur. Zwei Gemälde von Canaletto, eines von Pieter Breughel dem Älteren und die europaweit einmalige Sammlung der Feuerwaffen sind dabei nur zufällig gewählte Beispiele. Es würde Seiten füllen, wollte man alle Schätze aufzählen. Unter anderem ist hier auch das Schwert des Henkers Johannes Mydlar zu sehen, mit dem dieser eigenhändig 27 protestantische Standesherren der Böhmen köpfte, nachdem ihr Heer in der Schlacht am Weißen Berg von den Truppen der katholischen Liga vernichtend geschlagen worden war – darunter auch Herren, die die Statthalter aus dem Fenster geworfen hatten.

Nachdem die Familie Lobkowicz und ihr Palais viele Stürme unbeschadet überstanden hatten, kamen die Nazis – und konfiszierten den Palast samt allen Kunstschätzen. Sie wurden 1945 vertrieben, doch prompt verleibten sich die Kommunisten den repräsentativen Bau ein. Doch die Lobkowiczs wären nicht die Lobkowiczs, hätten sie sich das gefallen lassen. Sie klagten auf Herausgabe. Endlich, im Jahr 2002, siegten sie – und die Gerechtigkeit: Das Palais kehrte zurück in den Familienbesitz. Fünf Jahre später öffnete die Familie das sorgfältig restaurierte Haus und zeigt seither ihre „Fürstliche Sammlung“ erstmals der Öffentlichkeit. Seitdem entwickelte sich das Palais zu einem Mekka für Liebhaber der schönen Künste, der Lebensart und der Historie.

Zum guten Schluss sei vor einer Verwechslung gewarnt: Es gibt in Prag zwei Palais, die den Namen Lobkowicz tragen. Das oben erwähnte Museum ist Teil der Prager Burg. Das zweite steht etwa 200 Meter entfernt davon in der Straße Vlas?ská Nr. 19. In diesem prächtigen Barockpalais residiert die Deutsche Botschaft. Auch dieses Palais wurde berühmt, wenn auch später als das andere, nämlich 1989. Und auch nicht in Verbindung mit einem Fenster, sondern mit einem Balkon. Am 30. September 1989 trat der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf diesen Balkon des Palais Lobkowicz. Unten, im Garten, drängten sich rund 6.000 geflohene DDR-Bürger und warteten sehnsüchtig darauf, in die Bundesrepublik ausreisen zu dürfen. Und dann sprach Genscher auf diesem Balkon die Worte, die ihn in die Geschichtsbücher brachten:
„Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ...“

 

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