InterContinental Life

Budapest City Feature

Eine Stadt hebt ab

Die ungarische Hauptstadt Budapest entdeckt sich selbst neu: Am Ufer der Donau werden die Katalysatoren für die Entwicklung einer modernen Metropole gemischt. Ein Laborbesuch.

Wir stehen an einem einzigartigen Monument: Acht Meter hoch ragen Stahlstelen in den Himmel, 2006 Säulen an der Zahl. Sie wachsen langsam zu einem in der Frühlingssonne glänzenden monolithischen Block zusammen, geformt wie der Kiel eines Schiffes. Es ist das Mahnmal für die Opfer des Aufstandes von 1956, am Stadtwald der ungarischen Hauptstadt Budapest gelegen. Damals erhob sich das Volk gegen das stalinistische Terrorregime, wurde aber von der Roten Armee blutig niedergeschlagen.

Natürlich führt unser erster Weg über die Kettenbrücke hinauf zum Burgviertel im Stadtteil Buda: Fischerbastei, die Matthiaskirche in der Sissi zur Königin Ungarns gekrönt wurde, das Schloss. Und der atemberaubende Blick über die Donau. „Eine echte Sensation“, bemerkt Bea, „das Parlament hat kein Baugerüst mehr, das gab es seit Jahren nicht.“ Wer hier zum ersten Mal durch die malerischen Gassen flaniert, wird fasziniert sein, muss fasziniert sein. Aber erst nach ein paar Tagen wurde mir klar, warum ein Besuch in Budapest nicht allein aus Begeisterung für die Historie wichtig ist. Das viel größere Abenteuer bietet der Besuch im Labor auf der anderen Seite der Donau. Dem Labor, in dem gerade die Katalysatoren für die Entwicklung einer neuen Metropole gemischt werden.

Budapest. Die Hauptstadt Ungarns. Ehemaliges Juwel des habsburgischen Imperiums. Bejubelt und geschunden – von den Hunnen, den Osmanen, den Nationalsozialisten, den Kommunisten. Schmelztiegel der Kulturen: Magyaren, Deutsche, Serben, Slowaken, Kroaten. Bis 1989, dem großen Wendejahr, war die Stadt Schauplatz grandioser Inszenierungen (Sissis Krönung) und furchtbarer Tragödien (der Aufstand von 1956). Jetzt, endlich, ist die Stadt wieder frei. Sie atmet tief durch, sie reckt die Glieder, sie entdeckt ihre Stärke.

Nicht weit entfernt vom Denkmal öffnen sich die Treppenschächte hinab zur ältesten noch in Betrieb befindlichen U-Bahn-Linie des europäischen Kontinents, der „Földalatti“. Drei Stationen weiter stadteinwärts steht das Kaffeehaus „Lukács“ am Andrássy-Boulevard. Budapester empfehlen diese nach dem Vorbild des Champs-Élysées gestaltete Allee in der City zurzeit lieber als die Einkaufsmeile Váci ucta. Denn die Váci ucta unterscheidet sich in nichts von den uniformen Shopping-Streets der europäischen Metropolen, während der Andrássy-Boulevard ein sehr individuelles Flair entwickelt. Rechts und links finden sich Musical-Theater oder angesagte Restaurants wie „Menza“, aber auch das „House of Terror“, ehemals Hauptquartier der Gestapo, dann Terrorzentrale des kommunistischen Geheimdienstes. Beide wüteten gleich schlimm – heute ist das Haus eine Gedenkstätte für die Opfer beider Regime.

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