InterContinental Life
Eine Stadt hebt ab
Längst aufgebrochen ist der ungarische Modeschöpfer Tamás Náray.
Wir besuchen seine Boutique in der City. Die Front sehr stylish in Schwarz-Weiß,
drinnen edel und modern. Anna, seine Assistentin, empfängt uns. Von Hochnäsigkeit,
Blasiertheit, Modedünkel keine Spur. Auch das ist ein Charakteristikum
der Budapester:
Sie sind freundlich, tolerant und humorvoll. Im persönlichen Umgang wird
jede Schärfe vermieden, jedes „Nein“ wird in einen flauschigen
aus Erklärungen gestrickten Pulli gesteckt; Respekt und Höflichkeit
sind hier Grundtugenden. Bevor wir dazu kommen, Fragen zu stellen, sprudelt
Anna los: „Wie finden Sie Budapest? Es ist immer spannend zu hören,
wie wir von draußen gesehen werden.“ Sie hat in Mailand Mode studiert
– und kam zurück, weil sie dabei sein wollte, wenn ihre Stadt, wenn
Budapest aufblüht. Sie sei mit Leib und Seele hier, sagt sie, aber sie
fühle sich „total global“. Ein Gefühl, das sie mit vielen
jungen Budapestern teilt. Haben es ungarische Designer schwer, sich durchzusetzen?
„Wir haben uns längst durchgesetzt“, erwidert Anna selbstbewusst.
Náray hat eine Filiale in Dubai, weitere werden folgen. Kundinnen betreten
den Laden, Anna begrüßt sie herzlich auf Ungarisch. „Es kommen
immer mehr Einheimische. Ein gutes Zeichen“, sagt sie.
Bea, Concierge des InterContinental Budapest, hat bereits die nächste Überraschung parat: den „Palast der Künste“. Musik und Kunst auf 10.000 Quadratmetern unter einem riesigen Dach. Die Fassade aus grauem Stein erwacht erst bei Dunkelheit zum Leben, wenn sie durch farbige Scheinwerfer in sphärisches Licht getaucht wird. Das Interieur ist spektakulär: Rote Teppiche, Wände verkleidet mit kühn geschwungenen Ahornpaneelen, riesige Fenster, Freitreppen, blaue blasenförmige Lampen, die wie Ufos durch den Raum schweben … Ein Werk des jungen ungarischen Architekten Gábor Zoboki, der neben seiner Begabung als Designer auch mit seinen Fähigkeiten als Amateur-Dirigent reüssiert. Der nach dem ungarischen Komponisten Béla Bartók benannte Konzertsaal wird von einer riesigen Orgel gekrönt, die zu Teilen von der deutschen Orgelbaufirma Mühleisen gefertigt wurde. Im selben Gebäude residiert auch das Ludwig Museum, das eine bemerkenswerte Dauerausstellung zeitgenössischer Kunst präsentiert.
Die Glasfassade des Kunst-Palastes öffnet sich zum gegenüberliegenden Nationaltheater. Ein stärkerer architektonischer Kontrast ist schwerlich vorstellbar. Hier die strenge, glatte Fassade, die so gar nichts Palastartiges hat, dort eine verspielte, mit Figurinen gespickte Hauswand. Wer sich gern über Geschmack streiten möchte, findet hier an der Lágymányos-Brücke, im IX. Bezirk, zwischen den beiden Staatsbauten, den idealen Anlass.
Der Tag neigt sich, Buda und Pest glänzen in der Dämmerung um die Wette. Die Kettenbrücke, deren Geländer und Streben von Tausenden Leuchtdioden nachgezeichnet werden, wirkt wie eine Plastik aus Licht. Sie verbindet Buda und Pest. Dort die Historie, hier die Zukunft. Oder – umgekehrt?
PS: Ungarisch ist eine wunderbar melodische Sprache. Doch für den ungeübten Gast Budapests ein phonetisches Abenteuer. Fertigmachen zum Selbstversuch: „Egy jo szaraz feherbort szeretnek kerni.“ Wer diesen Satz verständlich sagt, bekommt zur Belohnung ein Glas Weißwein serviert.